-Berliner Zeitung

Wo kommst du her? Was machst du?

Neurosen sind kein Erfolgshindernis: Eindrücke vom zweiten Berlinale Talent Campus

12.02.2004

Feuilleton - Seite 13

Wiebke Hollersen

Der Pfiff schmerzt in den Ohren, aber er wirkt. Es ist tatsächlich eine Schrecksekunde lang still für die Anweisung: “Fünf Minuten sind um, Plätze tauschen”. Jeder zweite der 28 Anwesenden im Raum muss aufstehen und einen Platz weiterrücken, die andere Hälfte bleibt sitzen. 14 neue Paare haben jetzt fünf Minuten Zeit, sich kennenzulernen. Es muss schnell gehen. Visitenkarten werden getauscht, bevor man anfängt zu reden. Kein Small-Talk, sondern präziser Informationsaustausch. Es ist eine ernste Sache, einen Partner zu finden. Es geht um alles - um den nächsten Film.Zum zweiten Mal findet während der Berlinale der Talent Campus im Haus der Kulturen der Welt statt. 522 junge Regisseure, Drehbuchautoren, Produzenten, Schauspieler, Musiker aus 83 Ländern haben es geschafft, eine Einladung nach Berlin zu bekommen, 522 von mehr als 3600 Bewerbern. Am Samstag haben sie stundenlang Schlange gestanden um sich zu registrieren, manche kamen direkt vom Flughafen, heute abend treffen sie sich schon zur Abschiedsparty. Sie sind die ganze Zeit übermüdet und aufgekratzt, ihre Augen flackern. Jeder, der hier ist, hat schon an mindestens einem Film mitgearbeitet - vor allem aber hat jeder mindestens eine Idee, ein Projekt, ein Drehbuch, einen angefangenen Film dabei, auf Papier oder DVD, vor allem aber im Kopf und im Herz.

“Wo kommst du her? Was machst du?” ist die gängige Begrüßung in der Cafeteria oder der Schlange vor der nächsten Veranstaltung. Kommunikation, meint man, ist nun wirklich kein Problem im Talent Campus. “Doch”, sagt Ian Thomson vom UK Film Council, der die Veranstaltung mit der Trillerpfeife organisiert, “Speed-matching” heißt sie, in Anlehnung an ein vor allem in den USA populäres Single-Spiel namens Speed-dating. “Viele Leuten reden nicht miteinander, oder sie reden mit den falschen Leuten”. Beim Speed-matching treffen an einem Tag Komponisten Regisseure, am nächsten Drehbuchautoren Produzenten. “Die Nachfrage ist unglaublich”, sagt der Organisator.

Vielleicht hätte sich ja auch Anthony Minghella bei ihm angemeldet, wenn er als Talent zum Campus gekommen wäre. Nun ist er aber als Regisseur des Berlinale-Eröffnungsfilms “Cold Mountain” und einer der offiziellen Paten der Nachwuchsveranstaltung hier und soll erzählen, wie es ist, ein Filmemacher zu sein. Als er sagt, wie schrecklich schüchtern er sei, und dass er es hasse, mit fremden Menschen reden zu müssen, bekommt er erleichterten Beifall.

Außer Minghella sind die Regisseure Allan Parker, Mike Leigh und Stephen Frears gekommen, um dem Nachwuchs Mut zu machen und über ihre Arbeitsweisen zu berichten. Zum Schwerpunkt-Thema “Sound and Music” sprechen Walter Murch, David Holmes oder Zbigniew Preisner, über die Gestaltung von Film-Sets niemand Geringeres als Ken Adam, Schöpfer der stilbildenden James-Bond-Ausstattungen und zweifacher Oscarpreisträger.

Es ist ein bisschen, als wäre mitten in Berlin für ein paar Tage die rundum freundliche internationale Elite-Uni des Films vom Himmel gefallen, mit lauter hochmotivierten Studenten, die alle ein Stipendium für herausragende Leistungen bekommen haben und nun vollkommen gratis - inklusive Anreisefinanzierung für Teilnehmer aus ärmeren Ländern und kostenloser Schlafsaal-Unterbringung - von besten Lehrern der Branche und ausgezeichneten Praktikern unterrichtet werden. Alle unterhalten sich fließend in der Unterrichtssprache Englisch, ob sie aus Armenien, Bolivien oder Köln kommen, und überall stehen neue Computer herum.

Der Grad des Glücks über diese Zustände schwankt. Besonders hoch ist er bei denen, die bei der Bewerbung gleich den Sprung in eins der Spezialprojekte geschafft haben. Maria Laura Ruggiero aus Argentinien etwa, ihr Drehbuch ist eines von 22, die vorab für eine Behandlung in der “Script Clinic” ausgewählt wurde, ein Profi hat es gelesen und wird sich zwei Stunden Zeit nehmen, um es mit ihr durchzugehen. Sie hofft, dass er die lokalen Bezüge ihres Buchs verstehen wird, sagt Maria. Als sie die Einladung nach Berlin bekam, hat sie ihr Drehbuch in drei Tagen ins Englische übersetzt. Nächstes Jahr will sie drehen, unbedingt. Nach jeder Podiumsdiskussion geht sie nach vorn und drückt den Rednern die CD mit ihrer Projektvorstellung in die Hand, sie ist nicht gerade der schüchterne Kandidat für das Speed-matching, aber sie war trotzdem am ersten Tag schon da: “Ich mache alles mit.”

Weil alle alles machen wollen, gibt es manchmal ein bisschen Ärger. Wer zum Talent Campus eingeladen wurde, dem mangelt es nicht an Ehrgeiz und großen Erwartungen. Es ist nicht schön, dann gesagt zu bekommen, dass sich jeder nur für einen der Workshops mit den Regisseuren anmelden kann. Doch die Veranstalter wissen, den Ärger klein zu halten: Nicht mehr als 40 Teilnehmer sollten ursprünglich zugelassen werden, es werden je 100, einen Tag später laufen Videoaufzeichnungen.

Die Veranstaltung mit dem britischen Independent-Regisseur Mike Leigh (”Naked”, “Secret and Lies”) ist auf Video sicher entspannter zu genießen, live zeigte er sich als überaus strenger Lehrer. Ein einziges Flüstern im ansonsten mucksmäuschenstillen, dem Meister ergeben lauschenden Publikum brachte ihn aus der Fassung: “Bitte unterhalten Sie sich nicht. Es ist nicht einfach, vor so vielen Menschen über etwas sehr persönliches zu sprechen. Seien Sie ruhig.” In seinen Ausführungen darüber, wie er seine Schauspieler ohne Drehbuch anleitet und sie erst nach und nach die Geschichte des Films gleichsam erleben lässt, duldete er keine Fragen, als er sie am Schluss zuließ, musste sich so mancher Frager sagen lassen, er hätte wohl nicht richtig hingehört, diese Frage sei überflüssig. Niemand schien Leigh das allerdings übel zu nehmen, belegte es doch einmal mehr, dass in der Filmbranche weder Menschenscheu noch sonstige Neurosen Erfolg verhindern können - das man eben alles irgendwie schaffen kann, wenn man ein Talent ist.

Talent Campus für alle: Nachmittags sind die Veranstaltungen im Haus der Kulturen öffentlich.

Heute um 14 Uhr gibt es eine Diskussion über Filmkritik, um 17 Uhr läuft der Wettbewerbsfilm “El abrazo partido” in Anwesenheit des Regisseurs.

Im Internet

www.berlinale-talentcampus.de

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